Im April 2023 fand ein spannender Praxisfachaustausch zum Kinderschutz in der Lehre sozialer Arbeit in Frankfurt am
Main statt. Die unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) führte diesen in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule Koblenz und der Frankfurt University of Applied Sciences durch. Zum Vorjahresende wurden nun die Ergebnisse und Gedanken in der verlinkten Broschüre veröffentlicht. Hier sind die Ideen, Gedanken und Ergebnisse des Praxisaustauschs verständlich aufbereitet.Teilgenommen am Praxisaustausch selbst haben 44 Lehrende bei insgesamt 57 Teilnehmenden. Schon beim ersten Querlesen fand ich viele interessante Gedankengänge, die genau an den Erfahrungen in meinen Begleitungen von Institutionen anknüpfen. Vor dem Hintergrund, dass es schon bei meinen Vorträgen und Projektbegleitungen in Kitas und Schulen sehr oft Thema ist, wie wenig Raum (aus Sicht der Fachkräfte selbst) für das Thema „Gewaltschutz“ schon in den Ausbildungen von Erzieher:innen, Lehrkräften und Systemunterstützer:innen gegeben ist, gilt dies auch für Studierende der Sozialen Arbeit, die in den unterschiedlichsten Kontexten auf (direkt oder indirekt betroffene) Kinder und Jugendliche treffen werden.
Mein beruflicher Schwerpunkt liegt in der Unterstützung bei Erarbeitung von Rechte- und Schutzkonzepten. Zielsetzung ist hierbei einmal, die Einrichtungen faktisch zu (noch) sicheren Orten zu machen. Aber ebenso wichtig ist es, dass von Übergriffen betroffene Kinder und Jugendliche auch kompetente Ansprechpersonen vorfinden (die sprach- und handlungsfähig sind!) und die Mitarbeitenden einer Einrichtung überhaupt wissen, wie es zu Übergriffen kommen kann. Demnach ist das Wissen über Täter:innenstrategien, begünstigende Strukturen in Organisationen, Kenntnisse für den Umgang mit Betroffenen und grundlegendes, methodisches Präventionsarbeiten wesentlich. Von spezifischen Kenntnissen für den konkreten Umgang mit Verdachtsmomenten, rechtlichen Grundvoraussetzungen und Handlungssicherheit für den Bereich „Gewalt in Familiensystemen“ mal ganz abgesehen. Allein schon diese vielen inhaltlichen Aspekte zeigen auf, wie breit das Thema „Kinder- und Jugendschutz“ eigentlich sein müsste. Deshalb fand ich den Beitrag von Frau Prof. Dr. Kathinka Beckmann, welche den Masterstudiengang „Kindheits- und Sozialwissenschaften“ an der Hochschule Koblenz kurz skizzierte, besonders spannend. Leider ist dies nur ein sehr knapper Part in der Dokumentation.
Wenn ich mich an meine beruflichen Anfänge (2006) erinnere, weiß ich noch sehr genau, wie viele Ängste und Unsicherheiten mich als Präventions-Ansprechstelle für Kinder und Jugendliche in der verbandlichen Jugendarbeit begleitet haben. Mache ich das richtig? War das hilfreich, was ich gesagt habe? Was ist, wenn doch mehr dahintersteckt? Insofern kann ich sofort nachvollziehen, dass Fragestellungen zur eigenen Rolle allgemein und insbesondere auch der Umgang mit ehemaligen Betroffenen in ihrer beruflichen Rolle als „helfende Fachkraft“ eine gute Begleitung erfordern. So weisen einige Lehrende darauf hin, dass ein enormer Bedarf auch über das Sprechen von eigenen Fällen durch Lehrveranstaltungen ausgelöst wird und Lehrende dann als insoweit erfahrene Fachkraft angesehen und angesprochen werden. Ohne dass eine solche besondere Qualifikation automatisch vorläge. Einen letzten Gedanken möchte ich abschließend noch aufgreifen. Innerhalb der Dokumentation wurden die Themen eigener gemachter Gewalterfahrungen und der Umgang mit betroffenen Student:innen mehrfach aufgegriffen. Mich hat der Hinweis angesprochen, dass eigene gemachte Gewalterfahrungen kein Tabu sein dürfen und eine entsprechende Stigmatisierung der Art, dass damit automatisch ein Kompetenzverlust gleichzusetzen ist, nicht erfolgen darf. In meiner Generation der Sozialarbeiter:innen ist der Begriff des „hilflosen Helfers“ noch sehr präsent. Hier fand ich den Impuls, die eigenen Erfahrungen auch als Expertise anzuerkennen, super. Gerade wenn es darum geht, deutlich zu machen, dass die gemachten Erfahrungen nicht die eigene Schuld sind und ausschließlich durch den Ausführenden zu verantworten sind. Da finde ich diesen ressourcenorientierten Blick sehr vielversprechend.
Während ich das alles schreibe, merke ich dass es noch so viele weitere Aspekte gibt, die mich zum Nachdenken anregen und mir Lust machen, mich mit anderen Fachkräften darüber auszutauschen. Einiges habe ich mir noch gar nicht differenzierter angeschaut, sondern einfach einmal kurz „inhaliert“. Ich hatte auf jeden Fall mächtig Freude daran, heute mal wieder einen Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen und freue mich über weitere (kontroverse/ergänzende/bestätigende) Anregungen, Gedanken und Literaturempfehlungen von euch!