Früher – als ich noch ein gutes Stück mehr freie Zeit hatte – saß ich oft in Cafés und habe nichts weiter gemacht, als die Eindrücke um mich herum wahrzunehmen. Oftmals mit freiem Blick auf die Einkaufspassage vor mir. Zu meinen Favoriten gehörten damals natürlich auch die „Mitten im Leben“ Szenen mit Familien. Heute – nachdem ich unfreiwillig bestimmt schon das ein oder andere Erziehungs“highlight“ für andere mit beigetragen habe – gucke ich mit einem so viel netteren Blick auf die Erwachsenen (und natürlich auch auf die enttäuschten / wütenden / erschöpften Kinder) vor mir. Natürlich wäre es toll, wenn wir es als Eltern (oder Fachkraft) immer schaffen würden, im verständnisvollen Ton und mit äußerster Geduld auf die Emotionen unserer Kinder zu reagieren. Wenn wir uns, stark in der Bindung und felsenfest in unserer Haltung, die Zeit nehmen würden, den Emotionsausbruch einfach nur zu begleiten, statt zu werten. Aber, manches Mal gelingt es uns nicht. Dann werden wir selbst so wütend / sauer / gereizt, dass wir in die Überforderung gleiten. Und uns schämen, dass andere Zeuge unserer Menschlichkeit werden. Und dann geben wir alles, um sinnlose und abwertende Phrasen von uns zu geben:
Was stellst du dich wieder so an wie ein Baby, wie alt bist du eigentlich?
Guck mal, alle schauen schon auf uns! Wenn du jetzt nicht sofort aufhörst zu heulen, gibt es kein Eis / I-Pad / Fernsehen / Schokolade / whatever mehr in den nächsten 1000 Jahren!
Wie schnell sind Außenstehende dann in der Bewertung und wir schämen uns noch mehr. Aber wenn wir ganz genau auf unsere innere Stimme hören würden, dann wären uns die Blicke der anderen egal. Dann würden wir uns ausschließlich schauen, wie wir da gemeinsam wieder rauskommen können. Ohne Abwertungen. Ohne Scham. Mit Zuversicht und der festen Überzeugung: Das wird jetzt nicht unser Highlight des Tages, aber egal. Wir schaffen das.
Okay, aber was hat das Ganze jetzt mit einem Buch über einen Jungen, der halt gerne Röcke trägt, zu tun? Es geht in dem Buch natürlich darum, dass jeder so sein darf, wie er möchte. Dass andere lachen werden. Das tut weh. Aber noch viel mehr schmerzt es, wenn man nicht „man selbst“ sein darf. Für das ICH braucht es das WIR. Unsere Bezugspersonen sind gefragt. Und hier liegt in einer Szene für mich der ganze Zauber des Buches. Der Vater des Jungen schnappt sich selbst einen grünen Rock und geht mit seinem Kind nach draußen. Er stellt sich mit ihm gemeinsam den Blicken, Kommentaren, „nett gemeinten“ Ratschlägen. Er ist an der Seite seines Kindes. Und das bringt so viel mehr, als Worte es jemals schaffen könnten. Darin liegt für mich der Sinn in begleitenden Beziehungen zu Kindern: Für sie da zu sein. So oft wie es eben geht. In den Momenten, wo es drauf ankommt. Über die Herausforderung, in einem Supermarkt voller Süßigkeiten und Spielzeug mit einer 5- und einer 6-jährigen in seiner inneren Mitte zu bleiben, spreche ich ein andern Mal. Wenn ich meditiert habe und in Balance bin. Also irgendwann im Jahr 2045. Ach, seien wir optimistisch: 2044!
Der Junge im Rock. Autoren: Kerstin Brichzin und Igor Kuprin